Angst vorm Sichern

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Im Internet finden wir tausende Beiträge und Tipps über die Angst vor dem Vorsteigen und der sogenannten „Sturzangst“. Aber nirgendwo habe ich bisher etwas darüber gefunden, dass jemand über die Angst vor dem sichern geschrieben hat.

Es fällt mir nicht leicht diesen Beitrag zu schreiben und genau deshalb finde ich, sollte er online gestellt werden!

Ich sichere seit über 6 Jahren! Ein Jahr lang waren wir ausschließlich auf Kletterweltreise und ich habe Felix so gut wie täglich gesichert: in steilem Gelände, stundenlang in seinen Projekten, mitten in der spanischen prallem Mittagssonne…

Ich kenne jeden Handgriff und ich weiß wie ich mit brenzligen Situationen umgehen muss- ganz automatisch, fast schon würde ich sagen, ich kann das im Schlaf.

Und dann urplötzlich kam diese Angst! Es war ein sehr warmer Sommertag 2017 und ganz sicher nicht halb so warm wie an den Tagen in Spanien. Ich habe Felix gerade in einer relativ leichten Aufwärmtour gesichert und irgendwann war er über einen kleinen Überhang verschwunden und somit aus meinem Sichtfeld. Plötzlich wurde mir extrem schwindelig, ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und meine Hände haben geschwitzt. Ich dachte nur noch „Scheiße, jetzt werde ich gleich ohnmächtig“. Ich habe zu ihm hochgerufen, ob er schon am Umlenker ist und dass ich ihn ablassen müsste. Aber er war zuweit oben und hat mich nicht gehört. Gesehen haben wir uns an dieser Stelle leider auch nicht mehr. Somit wurde ich immer panischer „Was jetzt?“. Ich weiß ehrlich gesagt nicht wie, aber ich habe diese endlos langen Minuten irgendwie ausgehalten ohne ohnmächtig zu werden. Irgendwann kam dann das rettende „ZU!“ und er war oben. Hier konnte ich ihn dann auch wieder sehen und ich gab ihm zu verstehen, dass ich ihn ablassen muss. Ich konnte nicht warten, bis er abgebaut hat.

Ich weiß nicht ob es an der Hitze lag, schließlich habe ich schon in viel krasseren Situationen gesichert. Vielleicht war ich wirklich kurz davor gestanden ohnmächtig zu werden, vielleicht war es aber auch eine plötzliche Panikattacke. Höchstwahrscheinlich war es aber ein Zusammenspiel von beidem: leichter Schwindel durch die Hitze und den Zustieg, dann die Gedanken, dann die Panik, die alles noch verstärkt hat.

Seitdem war alles anders! Ich habe mir plötzlich viele Gedanken um das Sichern gemacht. Schließlich habe ich als Sichernder das Leben eines anderen Menschen in der Hand. Sein Leben hängt (zum größtenteil) von mir da unten ab. Und auch wenn ich schon immer mit dem Grigri gesichert habe, wollte ich dennoch nicht als Sichernder ohnmächtig werden.

 

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Nach diesem Erlebniss waren wir in der Pfalz klettern. Ich dachte mir schon beim Zustieg „Was, wenn du wieder so etwas bekommst?“ und fühlte mich schon leicht schwindelig. Nachdem Felix dann den ersten Haken geklippt hatte war es wieder da! Diese absolute Panik. Mein Körper hat verrückt gespielt und ich habe mich dem völlig hilflos ausgeliefert gefühlt. Also habe ich wieder zu Felix hochgerufen, dass ich ihn ablassen muss. Neben uns waren noch andere Kletterer und ich habe mich gefragt, was die wohl gerade über mich denken. Warum lässt sie ihn wieder ab?

Ab diesem Tag habe ich mich nicht mehr getraut zu sichern. Felix ist dann immer mit anderen Leuten klettern gegangen, während ich zuhause geweint habe. Klettern ist unser Leben. Auch wenn ich selbst lieber bouldern gehe, so habe ich Felix wahnsinnig gerne in seinen Projekten gesichert. Wir waren ein perfektes Team beim Klettern. Und plötzlich kann ich ihn nicht mehr sichern? Nie wieder ein Kletterurlaub weil ich es nicht schaffe? Ich war am Boden zerstört. Ein paar Mal haben wir wieder Anläufe gestartet, aber jedesmal musste ich aufgeben. Dazu kam die Angst, was andere in dem Moment über mich denken. Gerade weil Felix oftmals in Kletterhallen schwere Touren klettert, schauen viele zu und ich fühle mich dann als Sichernde noch unwohler, wenn ich gerade versuch gegen meine Panik anzukämpfen.

Felix hat mich dann immer wieder ermutigt es einfach auszuprobieren. Ich kann nicht verstehen, wie er solch ein Vertrauen in meine Fähigkeiten haben kann, wenn ich sie selbst gerade absolut nicht habe. Ich fühle mich dazu nicht in der Lage und er vertraut mir dennoch sein Leben an? Alleine dieses große Vertrauen hat mich dann noch mehr fertig gemacht, weil ich es dennoch nicht geschafft habe. Ich habe ihn in so vielen Situationen gesichert und urplötzlich klappt es nicht mehr… Und ich weiß selbst nicht warum!

Aber analysieren bringt nichts!

Nach knapp einem Jahr habe ich dann beschlossen aktiv dagegen etwas zu tun. Wir haben uns zusammen hingestzt und einen Plan erstellt, wie ich ganz langsam wieder das Vertrauen in mich zurückbekommen kann.

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  • Ganz kurze Touren (max. 15 Meter), wo ich ihn noch sehen und hören kann.
  • Leichte und gut abgesicherte Touren.
  •  Felix hat jedesmal ein Tube zum Abseilen mitgenommen.
  • Ein sehr ruhigen Fels, wo niemand anderes gerade neben mir klettert.
  • Ein Codewort für den Fall, dass ich ihn direkt runterlassen muss.
  • Traubenzucker und eine Flasche Wasser direkt neben mir als Sichernde.

Wir sind dann ganz oft raus zum Klettern gegangen. Oftmals an Felsen, wo ganz wenig oder garnichts los war. Dann ist Felix erstmal ganz leichte und kurze Touren geklettert. Ich hatte zu Beginn jedesmal wieder richtig Panik und dachte ich müsste gleich umkippen. Aber wir haben alles vorher besprochen. Ich hatte genug gegessen und getrunken und somit war die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ich körperlich wirklich einen Kreislaufzusammenbruch erleide. Nun galt es dieses Gefühl einfach auszuhalten und zu sehen, dass nichts passiert. Wir haben natürlich alles tausendmal durchgesprochen, was passieren kann und wie wir dann reagieren. Im aller schlimmsten Fall könnte ich tatsächlich ohnmächtig werden- dann habe ich immernoch das Grigri, und Felix würde nicht auf den Boden fallen. Gleichzeitig hatte Felix immer genügend Material dabei um sich zur Not selbst wieder abzulassen. Das hat mich beruhigt. Ich muss sagen, ich habe wirklich den absolut tollsten Freund, den man sich in so einer Situation wünschen kann. Für Felix war es absolut in Ordnung nicht raus zum klettern zu gehen um Vollgas zu geben. Es war für ihn auch in Ordnung nach einer abgebrochenen Tour wieder nach Hause zu fahren. Er hatte so wahnsinnig viel Gedult mit mir!

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Und ich muss sagen- es hat geholfen! Irgendwann habe ich nach der dritten oder vierten Tour gemerkt, dass ich garnicht mehr an meine Ängste gedacht habe. Am Ende des Tages war es dann oft so, dass Felix in schwerere Touren gehen konnte oder wir eine Tour gemacht haben, die höher war.

Es ist aber dennoch so, dass ich jedes mal aufs neue erst wieder klein anfangen muss und im Laufe des Tages steigern wir uns dann. Ich muss quasi immer erst wieder „reinkommen“. Ich glaube aber, dass wir so auf einem sehr guten Weg sind 🙂

Auch wenn ich mir jetzt gerade noch garnicht vorstellen kann ihn in einer 40 Meter Tour zu sichern, so weiß ich dennoch, dass wir wieder zusammen klettern gehen können. Ich weiß auch, dass mir selbst ganz kurze Touren letztes Jahr noch unmöglich erschienen und ich das jetzt wieder ohne Probleme schaffe. Warum also nicht auch irgendwann wieder 40 Meter Touren? Meine persönliche Lösung war wirklich sich immer langsam zu steigern. Jedesmal ein Meter höher sichern, ein bisschen schwieriger etc. und dann zu merken: Es passiert nichts! Ich kann das!

Noch nie in unseren ganzen 4 Jahren Beziehung ist Felix beim Klettern etwas passiert. Noch nie habe ich bei ihm ein Sicherungsfehler gemacht. Ich kann das! Ich vertraue meinem Körper und meinen Fähigkeiten. Ich ernähre mich gesund und achte darauf immer genug gegessen und getrunken zu haben, warum sollte ich plötzlich ohnmächtig werden?Und selbst wenn, bedeutet das nicht, dass einer von uns beiden daran sterben wird.

Dennoch finde ich es auch wichtig sich mit dem Thema gesund auseinander zu setzten. Schließlich haben wir als Sichernder die Verantwortung für das Leben eines anderen. Und ich persönlich kann nicht, und habe auch noch nie verstanden, wie Leute mit dem Tube und tausend Meter Schlappseil, Zigarrete im Mund oder gar komplett ohne Hände (beim Grigri) sichern, während der Kletterer, der dir als Sichernder gerade zu 100% sein Leben anvertraut da oben irgendwo klettert oder hängt. Dem sollten wir uns bewusst sein- wenn auch in einem gesunden Maße.

Aber gleichzeitig müssen wir uns auch unseren Ängsten bewusst sein, die irrational sind und sich durch plötzliches Auftreten und gedanklicher Widerholung in unserem Gehirn manifestieren. Wir halten sie am Leben indem wir darüber nachdenken und angst davor haben. Angst wieder Angst zu bekommen.

Gerade weil auch ein großer Teil meiner Angst ist, dass jemand diesen Moment mitbekommt und dann etwas schlechtes über mich denkt, habe ich mich dazu entschlossen diesen Beitrag zu veröffentlichen.  Alle Menschen um uns herum sind auch nur Menschen wie du und ich. Menschen mit Ängsten, Sorgen, Gefühlen und Gedanken. Wir brauchen uns nicht ständig davor zu fürchten was andere von uns denken. Warum interpretieren wir sofort das schlechteste in die Gedanken anderer uns selbst gegenüber? Wenn ich an mich selbst denke, so würde ich NIE auf die Idee kommen von jemandem so schlecht zu denken, der gerade Angst vor etwas hat. Warum also sollten andere über mich so denken? Weil alles schlechte Menschen sind? Weil ich besonders schlimm bin und man über mich so denken muss? Nein, ganz sicher nicht!

Je mehr du versuchst zu verheimlichen, wenn es dir gerade nicht gut geht, umso mehr wirst du gestresst sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn ich einfach offen damit umgehe und sage „hey, mir geht es gerade nicht gut“, dass mir durchweg positiv begegnet wird und meine Ängste dann völlig unbegründet waren und verschwinden.

Außerdem glaube ich, dass es mehr Menschen gibt, die in einer ähnlichen Situation waren oder vielleicht auch angst davor haben zu sichern. Traut euch ruhig zu sagen, wie es euch geht.

Das Leben ist zu schön, um es mit Ängsten und Grübeleien zu verbringen!

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